Tiny House in den USA
'I wanted to live deep and suck out all the marrow of life, to live so sturdily and Spartan-like as to put to rout all that was not life' (Thoreau / Walden)

Im Jahre 1845 zog sich der amerikanische Schriftsteller, Naturphilosoph und Querdenker Henry David Thoreau an den Waldensee nahe Concord, Massachusetts, zurück, um ein Leben in selbstbestimmter Einfachheit zu erproben. Zu diesem Zwecke zimmerte er sich eine Hütte von drei Metern Breite und viereinhalb Metern Länge, welche er lediglich mit einem Bett, einem Tisch, drei Stühlen und einem kleinen Schreibtisch ausstattete. Ausgegeben hatte er für seine – wie er schreibt – durchaus behagliche Behausung gerade einmal 28,12 Dollar, was einem heutigen Wert von 863 Dollar entspricht. Das Leben auf seine Grundbedürfnisse herunterzubrechen, um es in seiner tiefsten Essenz zu erfahren, das war sein Ziel und er gilt damit heute unter seinen Anhängern als Pionier der Tiny House Bewegung.

Zu einer Zeit, als das Streben nach Luxus noch als Notwendigkeit zur gesellschaftlichen Höherentwicklung verbrieft wurde und viele seiner neuenglischen Landsleute in großzügigen Anwesen residierten, wurden Thoreaus Überlegungen noch als aufmüpfige Eigenbrötlerei belächelt. Inzwischen ist sein Lebensentwurf längst salonfähig geworden. Was in Kalifornien und Vermont vor etwa 20 Jahren als Neo-Hippie-Bewegung seinen Lauf nahm, erproben seit der Finanzkrise 2007 immer mehr Amerikaner als Gegenentwurf zum allgemeinen Prestige-Denken ihrer Landsleute.

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Dabei entspricht das Wohnen in einem Tiny House in vielerlei Hinsicht sogar der ursprünglichen Wohnweise ihrer Vorfahren, welche als erste Siedler in Amerika oft in einer winzigen Hütte mit meist nur einem Raum angefangen haben, in welchem sich das gesamte Leben abspielte. Mit der Zeit erst entstanden die geräumigen und mit allen Annehmlichkeiten ausgestatteten Wohnhäuser, die wir heute aus Amerika kennen. Von der Einfachheit zum Luxus und wieder zurück zur Einfachheit – fast scheint es, als schließe sich mit der Popularität der Tiny Houses ein Kreis, doch steckt heute meist mehr als pure Mittellosigkeit dahinter:

Tiny House Besitzer verfolgen im Allgemeinen eine Philosophie der Genügsamkeit, Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit und schwören auf ein achtsames Leben, in dem mehr gelebt als gehamstert wird. „Downsizing“ heißt ihre Antwort auf den dekadenten Lebensstil, wobei dies keineswegs armselig oder minderwertig heißen muss, denn die winzigen, oft nur zwanzig oder dreißig Quadratmeter kleinen Häuser können an Stabilität und Aussehen durchaus mit den großen mithalten. Mit ihren innovativen Designs und ausgeklügelten Interieurs stellen sie so manches konventionelle Einfamilienhaus in den Schatten.

Tradition trifft Moderne: Tiny House im Boat Look

„Tiny House Boat“: Unkonventionelles Wohnen auf 20 m2

Im ganzen Land versuchen sich Umwelt-Enthusiasten und Lebenskünstler am Bau ihrer eigenen Minibehausungen, sogar einige Architekten haben sich dem Entwerfen der kleinen Häuser verschrieben. Einziger Nachteil: Tiny Houses im ursprünglichen Sinne sind oft zu klein, um von Familien bewohnt zu werden und gelten nach wie vor als Nischenprodukt für Singles oder Paare. Doch was spricht dagegen, auch als Familie die Idee des „Downsizings“ in einem individuell gesteckten Rahmen umzusetzen? Was zählt, ist schließlich der Gedanke, der hinter dem Prinzip der Minihäuser steckt.

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