Quilten in Amerika

QQuilten hat Tradition in Amerika. Und es ist modern. Bei einer Kunstform, die sich über so viele Jahrhunderte hinweg weiterentwickelt und immer wieder neu erfunden hat, ist dies durchaus kein Widerspruch. Vor mehreren hundert Jahren brachten die Frauen der ersten englischen Siedler das Handwerk mit in die Neue Welt – damals noch als absolute Notwendigkeit, um die Familie mit warmen Decken über den Winter zu bringen. Doch Quilten macht auch heute noch Spaß, denn mit seinen farbenfrohen Mustern und kunstfertigen Motiven ist der Quilt eine höchst individuelle Ausdrucksform und ist damit einfach zeitlos.

Geschichte in Bildern: Handgefertigter "Western"-Quilt

Geschichte in Bildern: Handgefertigter „Western“-Quilt

Übersetzt heißt „Quilt“ nichts anderes als „Steppdecke“. Eine solche Decke wird – wie ein Sandwich – zumeist aus drei Lagen zusammengesetzt: einer aufwendig gestalteten Schauseite, genannt „Top“, einer meist einfarbigen Rückseite und einem wärmenden Innenfutter, dem Vlies. Diese drei Schichten werden mit gleichmäßigen, kleinen Nadelstichen zusammengehalten. Die kunstvolle Oberseite kann dabei aus einer einzigen Stoffbahn oder aber aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt sein. Ein solcher aus bunten Flicken bestehender Quilt wird „Patchwork“ genannt. Er ist die wohl beliebteste Quiltform, für welche man – früher wie heute – gern die Stoffreste abgetragener Kleidung wiederverwendet. Zudem lässt die Technik viel Raum für kreatives Gestalten. Auf diese Weise entstehen, oft in monatelanger Kleinarbeit, romantische Hochzeitsdecken, gemütliche Tagesdecken und Sofadecken, aber auch Kissenhüllen und außergewöhnliche Wandbehänge. So mancher Patchwork-Quilt berichtet dabei die spannende Geschichte seines Schöpfers.

Quilten: Neue kreative Projekte (Amazon.de)

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Die ältesten Quilts, die man in den USA gefunden hat, kamen vermutlich schon mit der Mayflower über den Atlantik. Sie sind spannende historische Zeitzeugen und erzählen mit ihren vielseitigen Motiven, genau wie Schriftstücke und archäologische Funde, aus dem Leben der Pilgerväter und Pioniere, aber auch aus dem Leben der Rechtlosen und Unterdrückten, über die sonst wenig berichtet wurde. Es gibt Quilts aus dem 18. Jahrhundert, die für 200.000 Dollar und mehr versteigert wurden. Im Jahr 2010 erschien das angeblich älteste in Amerika gefertigte Exemplar bei Ebay mit einem Startpreis von 2,9 Millionen Dollar. Das Angebot wurde wenige Tage später wieder entfernt mit der Begründung, dass schlichtweg kein Experte in der Lage sei, das genaue Datum des Quilts zu bestimmen, vermutlich stammt das Stück aus den 1650er Jahren. In Antiquitätenläden kann man immerhin noch gut und gerne 1000 Dollar für ein hundert Jahre altes Stück ausgeben. Viele amerikanische Familien hüten die liebevoll von Hand genähten Quilts ihrer Großmütter und Urgroßmütter wie einen unbezahlbaren Schatz.

The American Quilt: A History of Cloth and Comfort 1750-1950 (Amazon.de)

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Auf der anderen Seite gibt es heute in den USA so viele junge Erwachsene, die sich mit dem Kunsthandwerk des Quiltens beschäftigen, wie in keinem anderen Land der Welt. Die 2009 in Los Angeles gegründete Modern Quilt Guild hat inzwischen landesweit mehr als hundert lokale Vertretergruppen, die Online Community wächst stetig. Einige herausragende Arbeiten junger Quilter werden in Museen für zeitgenössische Kunst ausgestellt und in immer mehr Schulen lernt der Nachwuchs wieder das Quilten in Nachmittagskursen. Woran mag es liegen, dass dieses Überbleibsel aus der Pionierzeit heute noch so viel Zuruf und Anerkennung findet?

Vielleicht weil das Quilten etwas so typisch Amerikanisches ist. In einer Kultur, die scheinbar rastlos und stetig „on the road“ ist, wächst umso mehr das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Identität und dem Entdecken der eigenen Wurzeln. Das Quilten schlägt dabei die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, aber auch zwischen den verschiedenen Nationalitäten und ihren kulturellen Hintergründen. Es ist ein Sinnbild für die amerikanische Gesellschaft schlechthin: Scheinbar zusammengeflickt aus vielen verschiedenen Einzelstücken, von denen jedes seine eigene Geschichte mitbringt. Und am Ende entsteht daraus etwas ganz Neues und Einzigartiges – ein buntgewürfeltes „Gumbo“ der Kulturen.

American Hometex Morning Star King Quilt Set (Amazon.de)

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