Architekturgeschichte der USA

In Europa existiert ein Klischee über amerikanische Häuser, das lautet in etwa so:

Die Garage ist doppelt so groß wie das Wohnzimmer, durch jede Steckdose pfeift der Wind und beim nächsten Sturm fällt es zusammen wie ein Kartenhaus. Typisch amerikanisch finden wir außerdem Farmhäuser, die an die Waltons erinnern, schwülstige Plantagenhäuser à la „Vom Winde verweht“ und biedere Vorortbungalows aus 80er Jahre Filmen.

Lassen wir altbekannte Vorurteile wie das von den Pappwänden jedoch erst einmal hinter uns, lässt sich ein Amerika entdecken, das auch in Sachen Baukunst alles andere als oberflächlich und spröde daherkommt.

amerikanische Architektur: Townhouses

Klassisch und verspielt: Stadthäuser in Albany, New York

Seine Architekturgeschichte hat eine beachtliche Vielfalt an Baustilen und Hausformen hervorgebracht, die so verschieden sind, wie die Orte, an denen sie entstanden sind und die Menschen, die in ihnen leben.

Gemeinsam ist diesen Häusern allenfalls Eines: Ihr großzügiger Grundriss.

Dabei fing alles einmal ganz klein an:

Die ersten Wohnhäuser, die englische Siedler im 17. Jahrhundert in Virginia und in Massachusetts errichteten, bestanden meist aus nur einem einzigen Raum mit zentraler Feuerstelle. Mit der Zeit wurde dieser, je nach Bedarf, um weitere An- und Aufbauten ergänzt.

Schlichte Formen bestimmten diese frühen Cottages, schließlich ging es den Kolonisten mehr ums Überleben als um Stilsicherheit. Zum Schutz vor den heftigen Stürmen an Neuenglands Küsten wurden solche Häuser oft mit Fensterläden ausgestattet und die Fassade mit Schindeln verkleidet (Cape Cod Style).

Hausformen in den USA: Cape Cod Style House

Cape Cod Style Home von 1760 mit Anbauten

Da Holz in der neuen Heimat in Hülle und Fülle vorhanden war, setzte es sich schnell als Hauptbaumaterial durch. Gebaut wurde damals schon in Holzrahmenbauweise – in Anlehnung an die alte europäische Fachwerktradition.

Hausformen im amerikanischen Norden und Nordosten

Mit den ersten schwedischen Einwanderern kam auch die Blockhaustechnik nach Amerika. Ein Log Home konnte schnell und mit wenig Werkzeug von nur einem Mann errichtet werden und „wanderte“ so mit der immer weiter nach Westen vorrückenden Frontier mit.

In den frühen Neuenglandkolonien dominierte bald eine Hausform, die unter dem Begriff „Saltbox“ bekannt wurde und heute als Sinnbild neuenglischer Countrykultur gilt:

Architektur-Geschichte in den USA: Traditionelles neuenglisches Saltbox House von 1662

Saltbox-Haus aus dem 17. Jahrhundert in Massachusetts

Charakteristisch für Saltbox-Häuser ist ihre asymmetrische Dachschräge, die auf der Rückseite stark abfällt und im vorderen Teil des Hauses zwei, im hinteren nur eine Etage zulässt. Die Form soll an eine damals gebräuchliche Holzbox zur Aufbewahrung von Salz erinnern.

In Rhode Island entwickelte sich zudem aufgrund dort reichlicher Steinvorkommen ein ganz eigener Baustil, der „Stone Ender“, bei welchem eine gesamte Hausseitenwand aus einem großen, gemauerten Kamin bestand. Noch heute findet man im Süden Neuenglands so manches Stone-Ender-Juwel aus dem 17. Jahrhundert.

Amerikanisches Haus im englischen Kolonialstil

Häuser-Ensemble aus dem frühen 18. Jahrhundert im Kolonialstil mit holländischen Einflüssen

In den holländisch und deutsch geprägten Kolonien am Hudson River, in New Jersey, Pennsylvania oder auf Long Island wurden ebenfalls häufig Ziegel und anderes Steinmaterial verwendet.

Hausformen im amerikanischen Süden und Südwesten

Im französisch dominierten Mississippi-Delta entstanden Hausformen, die sich dem schwülwarmen Klima und der sumpfigen Bodenbeschaffenheit anpassen mussten.

Gebäude auf Zedernholzstämmen (später auch auf Steinsockeln) errichtet und mit weit überstehenden Walmdächern sowie rundumlaufenden Veranden ausgestattet, erwiesen sich als praktikabel gegen die Hitze. Besonders in der Region um New Orleans wurden diese Wohnhäuser oft mit Dachgauben, Fensterläden und doppelten Türstöcken versehen (French Colonial).

Hausstil in den Südstaaten der USA

Historisches Créole Style Plantation House am Mississippi in Louisiana

Die Spanier im Südwesten wiederum machten sich den Adobe-Baustil der indianischen Pueblo-Kulturen zu Nutze, die bereits im 8. Jahrhundert ihre Wohnstätten aus Lehm errichteten. An heißen Tagen spendeten sie ausreichend Kühle, in frostkalten Nächten speicherten sie die Wärme.

Viele spanische Missionsstationen, die im 16. und 17. Jahrhundert in Lehmziegelbauweise entstanden, stehen heute noch in New Mexico (Spanish Colonial).

Adobe-Baustil in den USA

Historisches Haus im spanischen Missionsstil

Glanzlichter der Geschichte: Baustile des 18. und 19. Jahrhunderts

War in den kolonialen Anfangsjahren noch die Praktikabilität ausschlaggebendes Kriterium, eroberten im 18. und 19. Jahrhundert immer mehr modische Elemente die amerikanische Baukunst.

Ansehen und Status drückten sich zunehmend über architektonische Finessen wie Ornamente an Giebeln oder Hauseingängen, große, extravagante Fensterformen, Pilaster, Erker und andere neoklassizistische Bauelemente aus.

amerikanischer Baustil im 19. Jahrhundert

Amerikanische Villa aus dem 19. Jahrhundert im Bundesstaat Kentucky

Zeigte sich der Georgian Style noch recht zurückhaltend und geradlinig (meist Ziegelmauerwerk mit Ziergiebel über dem Hauseingang und hölzernen Tür- und Fensterrahmen), erfasste zunehmend der Geist der Romantik die amerikanische Architektur.

Baustile wie Gothic Revival (asymmetrische, überladene Formen mit hohen, schlanken Fenstern und spitzen Giebeln) und Greek Revival (tempelartig mit symmetrischen Säulen und frontseitiger Kolonnade oder Porch) kamen in Mode.

Architekturstil in den USA: Greek Revival

Historisches Herrenhaus im Greek Revival Stil, erbaut 1850

Im tiefen Süden der USA verbreitete sich für die in diesem Stil errichteten Plantagenhäuser und Stadtvillen nachträglich der Begriff der Antebellum-Architektur. Er umfasst jene Gebäude, die im Zeitraum zwischen dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und dem Bürgerkrieg erbaut wurden.

Unvergängliche Vergangenheit: Häuser gestern und heute

Den Höhepunkt architektonischer Extravaganz bildete im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts der viktorianische Baustil mit seinen verschiedenen Ausprägungen, wie dem detailverliebten Queen Anne Style.

Verspielte Formen, unsymmetrische Hausfronten und Dächer, Erker (häufig mehrere übereinander gestellt), Türmchen sowie breite Vordächer prägen diesen Epochenstil, der in weiten Teilen der Ostküste anzutreffen ist. Die Stadt Louisville in Kentucky beherbergt die größte Anzahl viktorianischer Villen außerhalb Englands.

Viktorianische Architektur in den USA

Historische Villa im Queen Anne Style

An der Westküste ist der Victorian Style besonders anschaulich im kalifornischen Eureka sowie in der Stadt Astoria im Bundesstaat Oregon vertreten. Die Painted Ladies in San Francisco sind wohl die populärsten Beispiele viktorianischer Baukunst.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts eroberte schließlich der Bungalow die amerikanische Wohnlandschaft. Doch auch wenn dieser an Stil und Erhabenheit nicht mehr ganz mit seinen Vorgängern mithalten kann, ein uramerikanisches Element bleibt ihm erhalten: Die Porch.

Ob frontseitig, rückseitig oder rundumlaufend, die überdachte Veranda verwandelt jedes amerikanische Haus in ein Schmuckstück, das in Europa seinesgleichen sucht.

Klassischer amerikanischer Bungalow

Haus im amerikanischen Bungalow-Stil im Bundesstaat Connecticut